KRATZEN AM GROSSEN EINVERSTÄNDNIS

Filed under Website
Tagged as

Im staatstragenden russischen Mainstream wächst dem freien Theater wieder eine subversive Aufgabe zu, z.B. in Sankt Petersburg

Das russische Theater fällt selten durch politischen Humor auf. Unlängst gab es jedoch eine Aktion der Gruppe «Ära» in Sankt Petersburg, die an beste Traditionen anknüpft: Subversion durch Affirmation. Mit Parolen wie «Ja zu steigenden Strompreisen» und feierlich hochgehaltenen Putin-Porträts bewegte sich der «Marsch der Einverstandenen» über die altehrwürdige Uferstraße der Wassiljew-Insel. Eine russische Fahne mit der Aufschrift «Mit allem einverstanden» rundete die Performance ab. Die Staatsmacht erkannte und reagierte mit Verhaftungen im Sowjet-Stil auf Schändung von Symbolen, während Putins englischsprachiger Propagandakanal «Russin Today» pausenlos von Wirtschaftskatastrophen vorzugsweise in den besonders verhassten baltischen Republiken oder einstigen Satellitenstaaten wie Ungarn berichtete. Im eigenen Land würde man mit den Schwierigkeiten indes gut fertig werden.
Von staatlicher Seite wird das Theater mit wohlwollender Aufmerksamkeit bedacht, wenn es gleich auf den ersten Blick als Garant russischer Größe zu erkennen ist, im Marinskij-Theater läuft Tschaikowskis «Dornröschen» in einer siebzig Jahre alten Choreografie, die durch sogenannte Coaches immer wieder auf Norm gebracht wird. Gabriela Komleva, die einst an der Seite Baryschnikows tanzte und nun zu diesen Museumstrainern gehört, wurde die Ehre eines Glückwunschtelegramms von Präsident Medwedjew zuteil. Dessen Verlesung vor der Vorstellung dauerte in einem steif prunkvollen Zeremoniell wie zur Breschnew-Zeit eine runde Stunde. Den wirklich gegenwartsverdrossenen Theaterfreund zieht es jedoch in die Komödien des französischen Boulevardiers Eric-Emmanuel Schmitt, der sein Einverstandensein mit der Welt immerhin gut verpackt und damit den Mainstream regelrecht überschwemmt.

Antigone, ein Partisanenstreich
Mit diesem harmlosen und vom Publikum gut besuchten Kommerz möchte der Bühnenbildner und Theaterleiter Danila Korogodski nichts zu tun haben. Sein «Teatr Pokolenij» (Theater der Generationen) befindet sich in den Mauern der Peter-und-Pauls-Festung, dem heiligen Herz von Petersburg samt Zaren-Sarkophagen. Der Eingang zum Theater wirkt wie die Tür zu einem Kellerclub, und die Spielstätte im historischen Gemäuer ist eigentlich selbst schon ein Bühnenbild. Dort «Antigone» aufzuführen, mit dem Konflikt zwischen Staatsräson und Individualrecht, gleicht im heutigen Russland einem Partisanenstreich.
Der deutsche Regisseur Eberhard Köhler, der regelmäßig am «Pokolenij» arbeitet, hat jedoch die überdeutliche Aktualisierung vermieden. Es reicht schon, wenn der Kreon von Sergej Mardar wie ein mittlerer Manager aussieht, der offenbar höhere Befehle gegen die sehr jugendliche Antigone (Svetlana Smirnowa) durchzusetzen hat. Dem Chor hat Korogodski Augen auf die Lider malen lassen – das Volk sieht so auch mit geschlossenen Augen, eine Metapher, der man sich in dieser puristischen Inszenierung schwerlich entziehen kann.
Korogodski, der eine Bühnenbildprofessur in Los Angeles ausübt, und Köhler versuchen dem Ensemble, das sich zum größten Teil mit Jobs als Schauspiellehrer oder in der gerade darbenden TV-Industrie durchschlägt, neue Spielweisen und Stücke zu eröffnen. Mit der russischen Erstaufführung von Laura de Wecks «Lieblingsmenschen« (siehe TH 7/07) haben sie immerhin die Petersburger SMS-Generation angesprochen und der Inszenierung mit Live-DJ und Videoprojektion ein Kellerclubformat verpasst, das wirklich meilenweit vom behäbigen Traditionstheater entfernt ist.
Für einen deutschen Regisseur, so Köhler, besteht die Aufgabe vor allem darin, den handwerklich gut ausgebildeten Schauspielern einen Blick für die Gegenwart zu geben, der an den russischen Theaterakademien zumindest Schauspielern nicht vermittelt wird. Als ob sie von der Schule weg ins Museum spielen gehen sollten. Im Vergleich zu Moskau hat man sich in Peters¬burg gegen einen schwammigen Konservatis¬mus zu behaupten. Für den Halb-Amerikaner Korogodski, der einer legendären Leningrader Theaterfamilie entstammt und wohl deshalb die exklusive Festung bespielen darf, hat die Form des kleinen Theaters in Russland wieder eine echte Chance zur Bewusstseinsbildung. Denn die Putin-Riege interessiert sich nur für die Massenmedien. Oder für Frechdachse, die allzu offensichtlich am großen Einverständnis kratzen.

Thomas IRMER

theater heute Mai 2009

Comments are closed.